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Lesebuch

 

 

Geschichten für Kranke und Gesunde


 

In Geschichten, wahr oder erdichtet, lassen sich Vorstellungen über die Bedeutung des Lebens manchmal verstehbarer und einprägsamer vermitteln als mit abstrahierenden Abhandlungen. Die vorliegende Site werden Viele besuchen, die mit menschlichem Elend, mit Schmerzen, Trauer und dem Lebensende von gemochten Mitmenschen, vielleicht auch dem eigenen, konfrontiert sind. Hat frau/man sich im Irrgarten eigener düsterer Gedanken verlaufen, hilft die Wahrnehmung von Gedanken Anderer, die sich in solchen Erzählungen ausdrücken, vielleicht beim Finden eines Ausgangs. Die Beiträge im Lesebuch beleuchten die traurigen Seiten der menschlichen Existenz, aber auch die hoffnungsvollen. Für alle Menschen könnte ein möglicher, mit dem Lebensende verbundener Übergang in eine freundlichere Welt der gute Ausgang einer jeden Lebensgeschichte sein.

Auf leicht zugängliche längere Texte oder ganze Bücher wird nur verwiesen, ebenso auf Werke mit noch bestehendem urheberrechtlichem Schutz. Wegen letzterem sind fast nur ältere Beiträge wiedergegeben.

 

 

Die Zeitalter


Von Publius Ovidius Naso

[Auszug aus dem Werk "Metamorphoseon libri" ("Bücher der Verwandlungen"). Übersetzung aus dem Lateinischen von Johann Heinrich Voss, leicht geändert.]

 

Das goldene Zeitalter

Am Anfang war das goldene Zeitalter, in dem ohne Zwang und Gesetz freiwillig Treue und Gerechtigkeit gewahrt wurden. Furcht und Strafe waren fern. Nicht lasen die Menschen drohende Worte auf dem gehefteten Erz; nicht bang vor des Richtenden Antlitz stand ein flehender Schwarm; ungezüchtigt waren sie sicher. Nie vom eignen Gebirge, um der Fremdlinge Welt zu besuchen, stieg die gehauene Fichte hinab in die flüssige Woge. Außer dem ihrigen kannten die Sterblichen keine Gestade. Noch umgürteten nicht abschüssige Gräben die Städte. Nicht die gerade Trompete von Erz, noch gewundene Hörner, auch nicht Helm oder Schwert gab es; und der Söldner entbehrend, lebten nun sorglos in behaglicher Ruhe die Völker. Selbst annoch, unbeschatzt, und dem Karst nie pflichtig, noch jemals Wund vom schneidenden Pflug, gab freudiger Alles die Erde. Und mit den Speisen vergnügt, die ohne Zwang sich erhoben, pflückten sie Arbutusfrucht und des Bergtals würzige Erdbeern, auch des rauhen Geranks Brombeer, und die rote Kornelle, und vom gebreiteten Baume des Jupiter fallende Eicheln. Ewig waltete Frühling, und sanft mit lauem Gesäusel fächelten Zephyrus Hauche die saatlos keimenden Blumen. Bald auch gebar Feldfrüchte der ungeackerte Boden, ohne Auffrischung ergraute die Flur von schwerer Ähre. Rings nun Bäche von Milch, rings wallten Bäche von Nektar; rings auch tröpfelte gelb aus grünender Eiche der Honig.

Das silberne Zeitalter

Als Saturnus versank in des Tartarus Dunkel, und herrschend Jupiter lenkte die Welt, da erwuchs die silberne Zeugung, weniger köstlich denn Gold, doch mehr als rötliches Erz noch. Jupiter engte nunmehr der Urwelt ewigen Frühling, sonderte Winter, und Gluten, und herbstliche Ungewitter vom kurzblühenden Lenz, und schuf vier Räume des Jahres. So geschah es, daß die Lüfte, von trockener Schwüle gesenget, glühten und vor dem Winde das Eis hartstarrend herabhing. Nun suchten die Menschen Häuser zum Schirm; ihr Haus war die Höhle, oder ein dichtes Gestaude, und mit Bast verbundene Reiser. Jetzt ward Samen der Ceres in langgezogenen Furchen untergescharrt, und es seufzte im drängenden Joche der Pflugstier.

Das erzene Zeitalter

Hierauf folgte das dritte Geschlecht, von Erz - artiger Zeugung, wütender schon von Natur, und gewandt zu schrecklichen Waffen, doch unsündig noch. Es folgte die eiserne Abart. Stracks nun stürmte daher in die Zeit der schlechteren Ader jeglicher Gräuel. Es entflohen die Scham, und die Treue, und die Wahrheit. Deren Stelle nahmen ein der lauernde Trug und die Arglist, heimliche Tücke, und Gewalt, und die frevelnde Sucht zu gewinnen. Unbekannteren Winden entfaltete Segel der Schiffer; und da sie lange untätig auf luftigen Bergen gestanden, wagten die Kiele den Sprung durch nie erkundete Wasser. Auch die Erde, zuvor wie Luft und Sonne gemeinsam, zeichnete jetzt vorsichtig mit langer Grenze der Messer.Auch nicht Saaten allein und schuldige Nahrung erzwang man herrisch vom reichen Gefild; man drang in die Tiefen der Erde und wie sorgsam versteckt, und entrückt zu den stygischen Schatten, grub man die Schätze hervor, Anreizungen aller Verbrechen. Kaum war schädliches Eisen, und Gold, heilloser als jenes, ausgewühlt, da erhob sich der Krieg, und kämpfte mit Beidem, und in der blutigen Hand erschütterte er rasselnde Waffen. Nun lebt alles vom Raub, kein Gastfreund schonet den Gastfreund, noch der Schwiegersohn den Schwager; auch liebende Brüder sind selten. Meuchlerisch stellet das Weib dem Gemahl nach, dieser der Gattin; und Stiefmütter bereiten aus falbem Kraute den Gifttrank. Selber auch späht voreilend der Sohn nach den Jahren des Vaters. Frömmigkeit sank vor Gewalt; Asträa selber, die Jungfrau, floh, als Letzte der Himmlischen, die blutgefeuchteten Länder.

 

 

"Wir sind dazu da, einander das Leben zu versüßen und zu erleichtern, und nicht, es zu verbittern und mühselig zu machen."

Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf
[Erzähler (1797 - 1854).]

Bild: [3]  

 

 

Die Geschichte einer ewigen Sehnsucht


Von Jörg - Uwe Albig

[Kurze Kulturgeschichte der Vorstellungen vom Paradies und der Versuche, es auf Erden nachzuahmen, geschrieben in einem lockeren, auch gut zum Vorlesen geeigneten Stil. Veröffentlicht in der Zeitschrift GEO, Januar 2007, Heft 01, S. 128 - 156. In vielen öffentlichen Bibliotheken einseh- und ausleihbar.]

 

 

"Es gibt Erkenntnisse, die gewinnt man nur, wenn man sie gewinnen will."

Ludwig Wittgenstein
[ (1889 - 1951).]

 

 

Der alte Großvater und der Enkel


[Aus den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm.]

 

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller. Daraus musste er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. "Was machst du da?", fragte der Vater. "Ich mache daraus ein Tröglein.", antwortete das Kind, "Daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin." Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten sofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

 

 

"Alt werden ist nichts für Feiglinge!"

Mae West
[Film- und Bühnenkünstlerin (1893 (?) - 1980).]

  Bild: [1]

 

 

Der geheilte Patient


Von Johann Peter Hebel

 

Reiche Leute haben trotz ihrer gelben Vögel doch manchmal auch allerlei Lasten und Krankheiten auszustehen, von denen gottlob der arme Mann nichts weiß, denn es gibt Krankheiten, die nicht in der Luft stecken, sondern in den vollen Schüsseln und Gläsern und in den weichen Sesseln und seidenen Bettern, wie jener reiche Amsterdamer ein Wort davon reden kann. Den ganzen Vormittag saß er im Lehnsessel und rauchte Tabak, wenn er nicht zu träge war, oder hatte Maulaffen feil zum Fenster hinaus, aß aber zu Mittag doch wie ein Drescher, und die Nachbarn sagten manchmal: "Windet's draußen, oder schnauft der Nachbar so?" Den ganzen Nachmittag aß und trank er ebenfalls bald etwas Kaltes, bald etwas Warmes, ohne Hunger und ohne Appetit, aus lauter Langeweile bis an den Abend, also, dass man bei ihm nie recht sagen konnte, wo das Mittagessen aufhörte und wo das Nachtessen anfing. Nach dem Nachtessen legte er sich ins Bett und war so müd, als wenn er den ganzen Tag Steine abgeladen, oder Holz gespalten hätte. Davon bekam er zuletzt einen dicken Leib, der so unbeholfen war wie ein Maltersack. Essen und Schlaf wollten ihm nimmer schmecken, und er war lange Zeit, wie es manchmal geht, nicht recht gesund und nicht recht krank; wenn man aber ihn selber hörte, so hatte er 365 Krankheiten, nämlich alle Tage eine andere. Alle Ärzte, die in Amsterdam sind, mussten ihm raten. Er verschluckte ganze Feuereimer voll Mixturen und ganze Schaufeln voll Pulver und Pillen wie Enteneier so groß, und man nannte ihn zuletzt scherzweise nur die zweibeinige Apotheke.

Aber alle Arzneien halfen ihm nichts, denn er folgte nicht, was ihm die Ärzte befahlen, sondern sagte: "Wofür bin ich ein reicher Mann, wenn ich soll leben, wie ein Hund, und der Doktor will mich nicht gesund machen für mein Geld?" Endlich hörte er von einem Arzt, der 100 Stund weit weg wohnte, der sei so geschickt, dass die Kranken gesund würden, wenn er sie nur recht anschaue, und der Tod gehe ihm aus dem Weg, wo er sich sehen lasse. Zu dem Arzt fasste der Mann ein Zutrauen, und schrieb ihm seinen Umstand. Der Arzt merkte bald was ihm fehle, nämlich nicht Arznei, sondern Mäßigkeit und Bewegung und sagte: "Wart', dich will ich bald kuriert haben." Deswegen schrieb er ihm ein Brieflein folgenden Inhalts: "Guter Freund, Ihr habt einen schlimmen Umstand, doch wird Euch zu helfen sein, wenn Ihr folgen wollt. Ihr habt ein bös Tier im Bauch, einen Lindwurm mit sieben Mäulern. Mit dem Lindwurm muss ich selber reden, und Ihr müsst zu mir kommen. Aber fürs erste so dürft Ihr nicht fahren oder auf dem Rösslein reiten, sondern auf des Schuhmachers Rappen, sonst schüttelt Ihr den Lindwurm und er beißt Euch die Eingeweide ab, sieben Därme auf einmal ganz entzwei. Fürs andere dürft Ihr nicht mehr essen, als zweimal des Tages einen Teller voll Gemüs, mittags ein Bratwürstlein dazu, und nachts ein Ei, und am Morgen ein Fleischsüpplein mit Schnittlauch drauf. Was Ihr mehr esset, davon wird nur der Lindwurm größer, also dass er Euch die Leber erdrückt, und der Schneider hat Euch nimmer viel anzumessen, aber der Schreiner. Dies ist mein Rat, und wenn Ihr mir nicht folgt, so hört Ihr im andern Frühjahr den Gukuk nimmer schreien. Tut was Ihr wollt!"

Als der Patient so mit ihm reden hörte, ließ er sich sogleich den andern Morgen die Stiefel salben und machte sich auf den Weg, wie ihm der Doktor befohlen hatte. Den ersten Tag ging es so langsam, dass wohl eine Schnecke hätte können sein Vorreiter sein, und wer ihn grüßte, dem dankte er nicht, und wo ein Würmlein auf der Erde kroch, das zertrat er. Aber schon am zweiten und am dritten Morgen kam es ihm vor, als wenn die Vögel schon lange nimmer so lieblich gesungen hätten wie heut, und der Tau schien ihm so frisch und die Kornrosen im Feld so rot, und alle Leute, die ihm begegneten, sahen so freundlich aus, und er auch, und alle Morgen, wenn er aus der Herberge ausging, war's schöner, und er ging leichter und munterer dahin, und als er am 18. Tage in der Stadt des Arztes ankam, und den andern Morgen aufstand, war es ihm so wohl, dass er sagte: "Ich hätte zu keiner ungeschicktern Zeit können gesund werden als jetzt, wo ich zum Doktor soll. Wenn's mir doch nur ein wenig in den Ohren brauste, oder das Herzwasser lief mir." Als er zum Doktor kam, nahm ihn der Doktor bei der Hand und sagte ihm: "Jetzt erzählt mir denn noch einmal von Grund aus, was Euch fehlt." Da sagte er: "Herr Doktor, mir fehlt gottlob nichts, und wenn Ihr so gesund seid wie ich, so soll's mich freuen." Der Doktor sagte: "Das hat Euch ein guter Geist geraten, dass Ihr meinem Rat gefolgt habt. Der Lindwurm ist jetzt abgestanden. Aber Ihr habt noch Eier im Leib, deswegen müsst Ihr wieder zu Fuß heimgehen, und daheim fleißig Holz sägen, das niemand sieht, und nicht mehr essen, als Euch der Hunger ermahnt, damit die Eier nicht ausschlupfen, so könnt Ihr ein alter Mann werden", und lächelte dazu. Aber der reiche Fremdling sagte: "Herr Doktor, Ihr seid ein feiner Kauz, und ich versteh Euch wohl", und hat nachher dem Rat gefolgt und 87 Jahre, 4 Monate 10 Tage gelebt, wie ein Fisch im Wasser so gesund, und hat alle Neujahr dem Arzt 20 Dublonen zum Gruß geschickt.

 

 

"Von mir aus könnte es immer so weitergehen."

Robert Meier
[Zeitweise ältester Mann Deutschlands (1897 - 2007).]

 

 

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern


Von Hans Christian Andersen

 

Es war entsetzlich kalt; es schneite, und der Abend begann zu dunkeln. Es war der letzte Abend des Jahres, der Altjahrsabend. In dieser Kälte und Dunkelheit ging ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopf und nackten Füßen die Straße entlang. Als sie von zuhause fortging, hatte sie Pantoffeln angehabt, aber diese waren sehr groß, ihre Mutter hatte sie zuletzt getragen, und die verlor die Kleine, als sie über die Straße eilte, weil zwei Wagen schnell vorbei fuhren; der eine Pantoffel war nicht zu finden, und mit dem anderen rannte ein Junge weg, der sagte, er könne ihn als Wiege gebrauchen, wenn er selbst Kinder hätte.

Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten Füßchen dahin, die rot und blau vor Kälte waren. In einer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer und ein Bund hielt sie in der Hand. Den ganzen Tag über hatte ihr niemand etwas abgekauft oder auch nur einen Schilling geschenkt. Hungrig und frierend ging sie weiter und sah ganz bedrückt aus, das arme Ding. Schneeflocken fielen auf ihr langes, blondes Haar, das sich so hübsch im Nacken lockte, aber daran dachte sie nicht. Aus den Fenstern glänzten Lichter und es roch so wunderbar nach Gänsebraten; es war ja Altjahrsabend, ja, daran musste sie denken.

In einem Winkel zwischen zwei Häusern, wo das eine etwas weiter in die Straße vorragte als das andere, setzte sie sich hin; die Beine hatte sie unter sich hochgezogen, aber sie fror noch mehr, und nach Hause getraute sie sich nicht. Sie hatte ja keine Schwefelhölzer verkauft, nicht einen Schilling bekommen. Ihr Vater schlug sie dann, und und kalt war es auch zuhause. Sie hatten nur eben das Dach über sich, und da pfiff der Wind hindurch, obwohl die größten Ritzen mit Stroh und Lappen verstopft waren. Ihre kleinen Hände waren fast abgestorben vor Kälte. Ach, ein Schwefelhölzchen würde guttun! Dürfte sie nur eines aus dem Bund herausziehen, es an der Wand anreißen und die Finger daran wärmen. Sie zog eines heraus, "Ritsch!", wie das zischte,wie es brannte! Es war eine warme, helle Flamme, ganz wie ein Lichtchen, als sie die Hand darum legte. Es war ein seltsames Licht! Dem kleinen Mädchen war es, als säße es vor einem großen, eisernen Ofen mit blanken Messingkugeln und einer Messingtrommel. Das Feuer brannte herrlich und wärmte so gut! Die Kleine streckte die Füße aus, um auch diese aufzuwärmen, da erlosch die Flamme. Der Ofen verschwand, sie hatte einen kleinen Rest des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand.

Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und wo der Schein auf die Hauswand fiel, wurde diese durchsichtig. Sie sah bis in die Stube hinein, wo der Tisch mit dem schimmernd weißen Tischtuch gedeckt stand, mit feinem Porzellan, und herlich dampfte die gebratene Gans, gefüllt mit Backpflaumen und Äpfeln! Und noch prächtiger, die Gans hüpfte von der Platte, watschelte mit Gabel und Messer im Rücken durch das Zimmer auf das arme Mädchen zu. Da erlosch das Schwefelholz und nur die dicke, kalte Hauswand war zu sehen.

Sie zündete ein neues an. Da saß sie unter dem schönsten Weihnachtsbaum, der war noch größer und prächtiger geschmückt als der, den sie bei dem reichen Kaufmann zu Weihnachten gesehen hatte. Tausend Kerzen brannten an den grünen Zweigen, und bunte Bilder wie die, welche die Ladenfenster schmückten, blickten zu ihr nieder. Die Kleine streckte beide Hände hoch, da erlosch das Schwefelholz. Die Weihnachtslichter stiegen immer höher und waren nun die hellen Sterne. Einer davon fiel nieder und bildete einen langen Feuerstreif am Himmel. "Nun stirbt jemand!", sagte das Mädchen, denn die alte Großmutter, die als einzige gut zu ihr und jetzt tot war, hatte ihr erzählt: Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott auf. Sie strich abermals ein Schwefelholz an der Hauswand an, das leuchtete weithin, und in seinem Glanze stand die alte Großmutter, so hell, so leuchtend, so mild und segensreich. "Großmutter!", rief die Kleine, "Oh, nimm mich mit! Ich weiß, du bist fort, wenn das Schwefelholz ausgeht, fort wie der warme Ofen, der herrliche Gänsebraten und der große prächtige Weihnachtsbaum!" Sie strich geschwind den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, der im Bund war. Sie wollte die Großmutter recht festhalten, und die Schwefelhölzer leuchteten mit solchem Glanz, dass es heller war als am lichten Tag. Großmutter war nie zuvor so schön, so groß gewesen. Sie nahm das kleine Mädchen auf ihre Arme und sie flogen in Glanz und Freude dahin, ganz hoch, und dort gab es keine Kälte, keinen Hunger, keine Angst. Sie waren bei Gott!

In der Ecke am Haus aber saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen und einem Lächeln um den Mund, erfroren am letzten Abend des alten Jahres. Der Neujahrsmorgen ging über dem toten Kind auf, das mit den Schwefelhölzern dasaß, von denen ein Bund abgebrannt war. "Sie hat sich erwärmen wollen.", sagte man. Niemand wusste, was sie Schönes gesehen hatte, in welchem Glanz sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war!

 

 

"Die Weisheit führt uns zur Kindheit zurück."

Blaise Pascal
[Religionsphilosoph, Mathematiker, Physiker (1623 - 1682).]

  Bild: [2]

 

 

Der kleine Friedensbote


Von Karl Stöber

 

Ein Gerber und ein Bäcker waren einmal Nachbarn, und die gelbe und die weiße Schürze vertrugen sich aufs beste. Wenn dem Gerber ein Kind geboren wurde, hob es der Bäcker aus der Taufe, und wenn der Bäcker in seinem großen Obstgarten an die Stelle eines ausgedienten Invaliden eines Rekruten bedurfte, ging der Gerber in seine schöne Baumschule und hob den schönsten Stamm aus, den er darin hatte, eine Pflaume oder einen Apfel oder eine Birne oder eine Kirsche, je nachdem er auf diesen oder jenen Posten, auf einen fetten oder magern Platz gestellt werden sollte. An Ostern, an Martini oder am Heiligen Abend kam die Bäckerin, welche keine Kinder hatte, immer mit einem großen Korb unter dem Arme, zu den Nachbarsleuten hinüber und teilte unter die kleinen Paten aus, was ihr der Hase oder der gute Märtel oder gar das Christkindlein selbst unter die schneeweiße Serviette gelegt hatten. Je mehr sich die Kindlein über die reichen Spenden freuten, desto näher rückten sich die Herzen der beiden Weiber.

Aber ihre Männer hatten ein jeglicher einen Hund, der Gerber als Jagdliebhaber einen großen braunen Feldmann, der Bäcker einen kleinen schneeweißen Mordax. Beide meinten, die schönsten und besten Tiere in ihrem Geschlechte zu haben. Und da geschah es eines Tages, daß Mordax ein Kalbsknöchlein gegen den Feldmann behauptete. Denn er hatte wahrscheinlich vergeßen, daß es nicht gut sei, einem großen Herrn etwas abzuschlagen. Vom Knurren kam es zum Beißen, und ehe sich der Bäcker von seiner grünen Bank vor dem Hause erheben konnte, lag sein Hündlein mit zermalmten Genick vor ihm und der Feldmann lief mit dem eroberten Knochen und eingezogenem Schweife davon. Sehr ergrimmt und entrüstet warf der Herr des Ermordeten dem Raubmörder einen gewaltigen Stein nach. Aber was half´s? Die Handgranate flog nicht dem Hunde an den Kopf, sondern deßen Besitzer durch das Fenster, mitten auf den Tisch. Ohne zu fragen, woher der Schuß gekommen sei, riß der Gerber den zertrümmerten Fensterflügel auf und fing an zu schimpfen. Der Nachbar in der weißen Schürze und den aufgestülpten Hemdärmeln blieb nichts schuldig, Kinder und Leute liefen zusammen, und hätte ich ihn nur sehen können! Satan stand gewiß in einer Ecke der Gaße und blies mit vollen Backen in das Feuer. Der Bäcker verließ den Kampfplatz zuerst, aber nur, um seinen Nachbar bei Gelegenheit zu belangen. Die Sinne gingen über den Zorn der beiden Männer unter, und am Tag darauf wurden sie vor Gericht geladen. Der Gerber wurde verurteilt, den totgebißenen Mordax mit einem Reichstaler zu büßen, da doch, wie er sich als Jagdliebhaber ausdrückte, der kleine Schäler nicht einen Groschen wert gewesen sei. Der Bäcker mußte für den zertrümmerten Fensterflügel nicht viel weniger bezahlen und sich mit seinem Widerpart in die aufgeworfenen Sporteln teilen.

Von nun an war zwischen den beiden Familien eine große Kluft geschaffen. Hinüber und herüber über die Gaße flog kein freundliches Wort mehr. Ging die Gerberin links zur Kirche, so nahm die Nachbarin ihren Weg rechts; saß der Bäcker außen im Posthause in der Stube beim Bier, so nahm der Gerber seinen Platz im Kabinett. Für den ganz schuldlosen Teil, für die Kinder des Gerbers, gaben weder der Osterhase, noch der gute Märtel, noch das heilige Kind durch die Frau Patin etwas ab.

So ging es fast drei Jahre. Einmal, am Ende es dritten, setzten sich der Gerber und seine Hausfrau nachmittags an den Tisch, um ihren Kaffee zu trinken. Aber als die Gerberin die Tischlade herauszog, war kein Wecken zum Einbrocken darin. Ihr kleiner Helm, der neben ihr auf den Zehen stand und auch hineinschaute, rief sogleich: "Mutter, einen Groschen! Ich hole das Brot!" Dann wandte er sich in seiner kindlichen Eilfertigkeit an den Vater und sagte: "Heut aber lauf ich nicht lange umher, und wenn es beim Torbäcker kein Brot gibt, geh ich wieder einmal zu dem Herrn Paten hinüber." Der Gerber, der vielleicht die anklopfende Gnadenhand des Herrn spürte, sagte nicht ja und nicht nein darauf und ließ den kleinen Unmuß ziehen. Im ersten Brotladen hatten die Wecken schon alle ihre Käufer gefunden, und Helm kam wieder zum Tore hinein, laut singend, wie es manchmal lebhafte Kinder mit ihren Gedanken zu machen pflegen, daß es die ganze Gaße hören konnte: "Heut geh ich zum Herrn Paten! Heut geh ich zum Herrn Paten!" Ungehalten über den argen Schreihals, wollte sein Vater ihn wehren. Aber ehe er noch das verquollene Fenster aufbringen konnte, war der kleine Sänger schon zum Tempel hinein und kehrte nach einigen Augenblicken als Friedensbote wieder zurück. Statt des Ölzweiges hatte er einen geschenkten Eierring in der Hand und rief über die Schwelle in die Stube hineinstolpernd: "Der Herr Pate läßt Vater und Mutter recht schön grüßen, und ich soll bald wiederkommen." Noch an dem nämlichen Abende wechselten die Nachbarsleute einige freundliche Worte über die Gaße, am folgenden saßen die weiße und die gelbe Schürze wieder auf der grünen Bank zusammen, am dritten zeigten die Weiber einander die Leinwand, zu der sie in den bösen drei Jahren oft mit ihren Tränen über den unseligen Zwist den Faden genetzt hatten.

 

 

[Werner-Härter-Archiv]


[Antiquarischer Buchkatalog + Geschichten/Gedichte online lesen]

[Sammlung von Erzählungen, Gedichten und Liedern aus früherer Zeit. Web - Link: https://werner-haerter-archiv.de/]

 

 

Der Schmied seines Glückes


Von Gottfried Keller

[Humorvolle Geschichte um einen Glückßucher, der seine Fähigkeit zur Steuerung des Schicksals etwas überschätzte. Aus der Erzählungen - Sammlung "Die Leute von Seldwyla", in vielen öffentlichen Bibliotheken ausleihbar. Text - Veröffentlichung im Internet: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=3821&kapitel=1#gb_found]

 

 

Romeo und Julia auf dem Dorfe


Von Gottfried Keller

[Mit unaufdringlichem Mitgefühl erzählte Begebenheit einer tragischen Romanze zwischen zwei Jugendlichen im ländlichen Milieu des 19. Jahrhunderts. Aus der Erzählungen - Sammlung "Die Leute von Seldwyla", in vielen öffentlichen Bibliotheken ausleihbar. Text - Veröffentlichung im Internet: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=3820&kapitel=1]

 

 

Kleider machen Leute


Von Gottfried Keller

[Geschichte eines Underdogs, der die Sitten und Gebräuche der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert zum gesellschaftlichen Aufstieg nutzt. Aus der Erzählungen - Sammlung "Die Leute von Seldwyla", in vielen öffentlichen Bibliotheken ausleihbar. Text - Veröffentlichung im Internet: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=3817&kapitel=1#gb_found]

 

 

Herbstlied


Von Johann Gaudenz Freiherr von Salis - Seewis

 

Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder,
und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen, graue Nebel wallen,
kühler weht der Wind.

Wie die volle Traube aus dem Rebenlaube
purpurfarbig strahlt!
Am Geländer reifen Pfirsiche, mit Streifen
rot und weiß bemalt.

Sieh, wie hier die Dirne emsig Pflaum und Birne
in ihr Körbchen legt,
dort mit leichten Schritten jene goldnen Quitten
in den Landhof trägt.

Flinke Träger springen, und die Mädchen singen,
Alles jubelt froh!
Bunte Bänder schweben zwischen hohen Reben
auf dem Hut von Stroh.

Geige tönt und Flöte bei der Abendröte
und im Mondenglanz;
junge Winzerinnen winken und beginnen
deutschen Ringeltanz.

"Die Kinder finden im Nichts das Gesamte, die Erwachsenen im Gesamten das Nichts."

Giacomo Leopardi
[Dichter (1798 - 1837).]

  Bild: [4]

Was dich wärmt und glücklich macht:


Von Johann Wolfgang von Goethe

 

      

Was dich wärmt und glücklich macht,
das sind nicht die großen Gaben,
ist nicht Wollen oder Haben
ist ein Freund, der mit dir lacht.

Ist ein Licht, ist eine Blüte,
ein vertrauter Händedruck,
eines Lächelns edler Schmuck,
Menschlichkeit und Herzensgüte.

Sind spontane Freundlichkeiten,
die uns da und dort erquicken,
ein - Hallo - ein ein frohes Nicken -
beinah Selbstverständlichkeiten -

und doch so viel mehr als dies,
nicht nur Artigkeit und Brauch;
sie sind wie ein zarter Hauch
zum verlorenen Paradies!

Bild: [7]         

 

 

"Wer sich um das Unmögliche bemüht, kann das Höchstmögliche erreichen."

August Strindberg
[Schriftsteller und bildender Künstler (1849 1912).]

Bild: [5]  

"Seid nett zueinander! Versucht es wenigstens!"

Angelo Giuseppe Roncalli
[Papst Ioannes PP. XXIII (1881 - 1963).]

"Nicht in den Dingen liegt das Böse, sondern in ihrem unrechten Gebrauch."

Aurelius Augustinus
[Theologe (354 430).]

Bild: [6]  

"An einem offenen Paradiesgärtchen geht der Mensch gleichgültig vorbei und wird erst traurig, wenn es verschlossen ist."

Gottfried Keller
[Dichter (1819 - 1890).]

  Bild: [8]

"Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann! Tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde."

Margaret Mead
[Ethnologin (1901 1978).]

Bild: [9]  

"Auf einem Esel reitest du,
dein Vordermann auf einem Roß,
und hinter deinen Fersen keucht
zu Fuß ein ungezählter Troß.
Du siehst mit Neid dem einen nach,
wie viele sehn dir hintendrein,
und wenn die Herberg ist erreicht,
gehn alle doch zu Fuß hinein."

Wilhelm Müller
[Literat (1794 - 1827).]

  Bild: [10]

Bild: [11]

   

"ohne Titel

wer kennt schon
die not eines überaus dicken mädchens?

man sagt:
nun ja - doch sie hat ein gutes herz

stets braucht die gesellschaft
dicke mädchen mit guten herzen
in heimen spitälern kantinen
in fabriken geschäften büros

doch manchmal
möchten auch ihre herzen
verrückt und geliebt
statt immer nur gut sein

dann träumen sie liebe
in wetterleuchtenden farben
liebkosen den einsamen körper
abends traurig im bett
mit einfühlsamen händen
des zärtlich erdachten freunds

später verschließen sie
solche träume tief in ihrer enttäuschung
und versuchen so tapfer als möglich
gut und gütig zu bleiben
statt böse und bitter zu werden

doch wer kennt schon
die heimlichen kämpfe
der überaus dicken mädchen
die man zur rolle bestimmt hat
gut und selbstlos zu sein?

ach wäre ein gott
ach wäre ein gott
der fleisch wird im fleisch
eines überaus dicken mädchens"

Kurt Marti
[Pfarrer und Schriftsteller (1921 2017).]

 

 

Quellen und Anmerkungen


 

1. Bild: http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Mae_West_portrait.jpg
2. Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/38/Blaise_Pascal.jpeg
3. Bild: http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:JeremiasGotthelf.jpg
4. Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b5/Giacomo_Leopardi.jpg
5. Bild: http://de.wikipedia.org/wiki/August_Strindberg
6. Bild: http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Augustinus_2.jpg
7. Bild: Ausschnitt aus einem Porträt Goethes, gemalt von Tischbein.
8. Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/Gottfried_Keller?uselang=de#/media/File:Unknown_Photographer_Gottfried_Keller_1870.jpg
9. Bild: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?search=margaret+mead&title=Special%3ASearch&go=Seite&uselang=de#/media/File:Margaret_Mead_1977_%C2%A9Lynn_Gilbert.jpg
10. Bild: Kupferstich von Johann Friedrich Schröter Bild - Quellen: http://www.portraitindex.de/documents/obj/34013314 Sowie: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57711100
11. Bild - Quelle: SRF

 

Zuletzt aktualisiert am 31.05.2020
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